Es durfte nicht gesprochen oder gelacht werden

Es durfte nicht gesprochen oder gelacht werden

Gudrun Hinz-Warnke aus 22559 Hamburg 
Verschickungsheim: Haus Heimattreue in St. Peter Ording
Zeitraum (Jahr): 1964
Welche Arten von Misshandlungen/Missbrauch gab es?: beides.

Als ich auf Anraten des Schularztes verschickt wurde, war ich 10 Jahre alt. Wir fuhren mit dem Bus aus Wedel und dem Kreis Pinneberg an die Nordsee nach St. Peter Ording.
Unsere Eltern hatten uns Brottaschen mit Proviant und Süßigkeiten mitgegeben. Als wir ankamen, mussten wir unsere Taschen abgeben. In einem Nebenraum sah ich einen Berg von kleinen Brottaschen. Welche Bilder das hervorruft, kann sich jeder denken. Ich war zwar erst 10, aber ich wusste sofort, dass hier nichts Gutes zu erwarten war.

Beim Frühstück gab es grauenhafte Szenen, wenn ein Geschwisterpaar (ca.4 und 10 Jahre alt) mit Gewalt auseinandergerissen wurde, weil sie in verschiedene Gruppen gehörten und nicht zusammen sitzen durften. Beim Essen durfte nicht gesprochen oder gelacht werden. Als ich einmal lachte, musste ich mein Abendbrot unterbrechen und wurde sofort ins Bett geschickt. Nach jedem Essen wurden wir auf die Toiletten abkommandiert. Diese hatten keine Türen. Während man auf der Toilette saß, standen die anderen davor und warteten. Dass man auf diese Art seiner Privatsphäre beraubt wurde, war für mich das Schlimmste und ist bis heute ein Trauma. Nach dem Mittagessen mussten wir Mittagsschlaf machen, was in dem Alter fast unmöglich war. Eine Betreuerin fand großes Vergnügen daran, uns Ohrfeigen zu geben, wenn wir die Augen nicht geschlossen hatten oder blinzelten.Wenn wir abends nicht sofort ruhig waren und lachten oder rumalberten, wurden wir auch schon mal mit unseren Hausschuhe versohlt. Die Betreuer mussten wir Tante nennen. Mit unserer Gruppenbetreuerin hatten wir Glück, sie war sehr nett.

Die Heimleiterin, Tante Gudrun, wurde gefürchtet. Sie führte auch schon mal einzelne Kinder vor, wie einen Jungen, der die harten Schwarzbrotrinden nicht essen mochte und in seiner Hemdtasche versteckt hatte. Er wurde dann vor allen verächtlich gemacht und musste die harten Rinden essen. Es herrschte insgesamt ein Klima der Angst und Unterdrückung. Als ich am Ende der 6 Wochen krank wurde, war ich in einem Einzelzimmer im Dachgeschoss untergebracht. Dort wohnten auch die Betreuer. Ich bekam mit, dass sie sich an den Süßigkeiten, die uns unsere Eltern zum Trost eingepackt hatten, gütlich taten. Wenn Kinder Geburtstag hatten, bekamen sie etwas von den konfiszierten Sachen.
An unser Taschengeld kamen wir nicht, das durften wir nur für Souvenirs bei einem Händler ausgeben, der zu diesem Zweck ins Heim kam. Obwohl das Haus fast direkt an der Nordsee liegt, waren wir nur ein einziges Mal am Strand. Es gibt ein Foto von unserer Gruppe in den Dünen. Ich würde das gerne zur Verfügung stellen, vielleicht erkennt sich ja jemand und meldet sich. Auch liegt mir daran, zu meinen früheren Leidensgenossinen Kontakt aufzunehmen. Ich bitte um Vermittlung, falls das möglich ist. Von einigen weiß ich noch den Vornamen.