…verschüttet oder verdrängt

…verschüttet oder verdrängt

Anonym 
Verschickungsheim: Kinderheim “Schwalbenheim” – Bad Sooden-Allendorf
Zeitraum (Jahr): ca. 1960
Welche Arten von Misshandlungen/Missbrauch gab es?: beides.

Ich (Jahrgang 1949) gehöre ebenfalls zu den sogenannten Verschickungskindern der 1950er und 1960er Jahre.

Ich wurde von Eschwege in Nordhessen gemeinsam mit andern nach Immenstadt am Alpsee im Allgäu verschickt, vermutlich für die gesamte Dauer der Sommerferien.

Ich wurde 1956 eingeschult und besuchte ab 1960 das Gymnasium, die Verschickung könnte vor dem Schulwechsel stattgefunden haben. Es war das erste Mal, dass ich allein für eine so lange Dauer von zuhause weg musste. Die übrigen Kinder von hier kannte ich überhaupt nicht. Ich wüsste auch heute niemanden, den ich hier ansprechen könnte.

Die Erinnerung an den Aufenthalt im Kinderheim ist aber eher verschüttet oder verdrängt.
Besonders traumatisch ist mir jedoch der beinahe tägliche Gurkensalat zum Abendessen im Gedächtnis geblieben, ich sehe mich immer noch über der Kloschüssel hängen und ohne Ende kotzen. Trost, Rücksicht und Alternativen gab es nicht. Salatgurken und die mit ihnen verwandten Melonen vertrage ich bis heute nicht.

Allergien und Unverträglichkeiten wurden damals nicht ernst genommen, die seit dem Säuglingsalter bestehende Abneigung gegen Milchprodukte wurde ebenfalls ignoriert.
Wahrscheinlich sollte ich im Süden ein besserer Esser werden. Am Ende kam ich aber überhaupt nicht erholt und noch dünner zurück, meine Eltern waren entsetzt, hatten eine Einsicht und sagten: Nie wieder!

Ich erinnere mich an eine Cousine, die aus Gesundheitsgründen wohl sogar zwischendrin nach Hause geschickt oder geholt wurde.

Zur Linderung meiner wiederholten Atemwegserkrankungen wurde ich dann wiederholt in das private Kinderheim “Schwalbenheim” im benachbarten Bad Sooden-Allendorf (15 km) geschickt, Inhalationen und Solebäder standen auf dem Programm.

Und es sollte noch bis zum 20. Lebensjahr dauern, bis tatsächlich eine Allergie auf Gräser, Pollen und Hausstaub diagnostiziert wurde, nachdem mich ein Schulfreund mit ähnlichen Beschwerden zum Besuch beim HNO-Arzt ermuntert hatte.