…splitterfasernackt ausziehen

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Anonym 

Verschickungsheim: St. Peter Ording Kinderheim Köhlbrandt

Zeitraum (Jahr): 1963

Welche Arten von Misshandlungen/Missbrauch gab es?: keine

Ich war 1963 mit meiner Schwester sechs Wochen im Kinderheim Köhlbrandt in St. Peter Ording. Wir haben die Zeit überwiegend positiv erlebt, die “Tanten” waren jung und nett und die Atmosphäre angenehm. Weniger gut fanden wir, daß man, was früher aber üblich war, den Teller leer essen mußte und daß die Briefe nach Hause durchgelesen und manchmal sogar mit Kommentaren versehen wurden. Nachts saß auf dem Gang eine winzigkleine, uralte Schwester mit Schwesternhäubchen, Sr. Maria, vor der wir fürchterliche Angst hatten, da sie die Kinder, die auf Toilette gehen mußten, heftig ausschimpfte. Ins Bett machen durfte man allerdings auch nicht.

Was in diesem Kinderheim wirklich nicht in Ordnung war: Einmal die Woche mußten wir uns splitterfasernackt ausziehen und wurden immer in Vierergruppen in ein Zimmer geführt, wo an einem langen Tisch das Heimleiterehepaar saß, Herr und Frau Köhlbrandt, daneben ein “Arzt” sowie seine Ehefrau. Diese betrachteten uns, sprachen zu jedem Kind ein paar nette Worte, “begutachteten” den Kurerfolg, dann mußte man sich umdrehen und wurde noch von hinten angeschaut und schließlich ging es im Gänsemarsch wieder raus, wo sich die nächsten vier Kinder bereitmachten. Meine Schwester, die in einer anderen Gruppe war, sagte mir neulich, ja, das fand sie auch nicht angenehm. Nicht angenehm? Ich würde sagen, sowas wäre heute ein absolutes Unding. Aber es war damals einfach nicht üblich, daß Menschen sich wehrten. Wir Kinder wurden ja jede Woche gewogen, daran hätte man den Kurerfolg auch ablesen können.Traumen haben wir damals wohl nicht erlitten, aber im Zusammenhang mit dem Aufenthalt in St. Peter Ording muß ich doch immer wieder daran denken, wie unwohl ich mich bei dieser wöchentlichen Vorführung fühlte.