Aber wenn man Kinder in die Hände solcher „Lagerärzte“ gibt, muss man sich über das Ergebnis nicht wundern!

Michael
Verschickungsheim: Kindersanatorium „Haus Bernward“, Bonn-Oberkassel, Bernhardstr. 25
Verschickungsjahr: 1970/1971

Mein genaues Aufenthaltsjahr kann ich nicht mehr sagen. Ich denke ich muss so elf Jahre alt gewesen sein, also 1970 oder 1971.

Ankunft erster Tag, unvergesslich. So gegen Mittag, 13:00 schätzungsweise. Alle Kinder wurden in einen Spielkeller gesperrt. Ein Haufen Spielzeug, ein Klavier. Ein oder zwei gelangweilt wirkende Tanten, die ab und zu wechselten. Kein Essen. Hunger, Durst. Bis zum Abend immer mehr Ankömmlinge die dazu gesperrt wurden. Kein Essen. Hunger, Durst. Einteilung in Gruppen, Zuweisung der Betten.

In den nächsten Tagen, das immer sehr einfache und fast gleiche Essen. Als es mitten in der Aufenthaltszeit mal eine Weiße-Bohnensuppe gab, war das so ein Highlight, das verschiedene Kinder so oft Nachschlag nahmen, bis der Magen es rückwärts schickte. Kein Witz! Wir waren ja so froh, dass es mal “etwas Anständiges” gab.

Nachtisch grundsätzlich Wackelpudding. Oft war die “Götterspeise” mit Mehl gestreckt, trübe, mehlig und voller Klümpchen. Was für einen Ekel ich DAVOR empfand!

Jeden Abend Butterbrote mit Blutwurst aus dem großen Eimer. Sie schmeckte wie ich mir schlecht gewürztes Hundefutter mit Blut vorstelle. Auch davor hatte ich tiefen Ekel.

Irgendwann kam die erste Untersuchung durch Doktor Müller.

Wie man sich eine Musterung im Arbeitslager vorstellt! EINMAL erklärte Doktor Müller, dass man ihn nicht anschauen dürfe. Tat man es in der Folge doch, gab es eine saftige Ohrfeige.

Stattdessen hatte man einen älteren Mitinsassen an zu schauen der seitlich mit einer Hotelklingel ausgestattet, auf einem Stuhl saß. Man hatte ihm in die Augen zu starren. Verlor man den Augenkontakt, drückte er die Klingel und es wurden Striche beim Namen des Patienten gemacht. – Ob daraus später Repressalien resultierten, weiß ich nicht mehr.

Wie oft wir untersucht wurden weiß ich nicht, aber ich meine es war so einmal die Woche. Der Arzt wird sich kaum übernommen haben.

Irgendwann ging es zum ersten mal in einen Teil des Kellers, den ich heute als Kammer des Schreckens bezeichnen würde. Jungen und Mädchen mussten in einer Reihe stehend und die Hosen bereits bis auf die Knie herunter gelassen, sich auf eine Liege zu bewegen, auf welche wir uns bäuchlings legen mussten. Dann bekamen wir Injektionen unbekannten Inhalts ungefähr auf Beckenhöhe links und rechts neben die Wirbelsäule gesetzt. Eins zwei drei vier Stiche links, eins zwei drei vier Stiche rechts. Diese Injektionen gab es in der Folge jedes mal wenn man wie ich ins Bett gemacht hatte. Vor lauter Angst versuchten wir nachts wach zu bleiben und nicht ins Bett zu machen.

Auf Schamgefühl wurde keine Rücksicht genommen. Als die Prozedur zum zweiten mal anstand, bat ich die Jungs aus der Gruppe sich ein wenig zurück zu ziehen, damit die Mädchen sich mit ihren herunter gelassenen Hosen nicht so vor uns schämen mussten. Dafür wurde ich natürlich zusammen geschissen, aber dann ließ mich die „Tante“ doch gewähren.

Schließlich waren wir die Spritzen gewöhnt und die Angst nicht mehr so groß. Aber trotzdem würde ich heute gerne mal wissen was drin war und welche Art von Therapie das wohl gewesen ist.

Eine Tante war recht beliebt. Sie hatte immer Nachtdienst, aber irgendwie mochten wir sie alle gern. Eine sympathische Ausstrahlung hatte sie für uns. Aber sie war die welche nachts, wenn sie meinte daß jemand gestört habe, ihre Schuhe auszog und damit die Kinder verprügelte. Sie machte wohl auch die Notizen bezüglich erwischter Bettnässer.

Die Laune der Tanten war allgemein nicht gut. Vermutlich waren sie mit den Umständen auch nicht zufrieden, aber sie brauchten den Job.

Als mein Papa mir eine Riesenfreude machte und mir ein Geschenkpaket samt Briefchen schickte, Inhalt eine Tüte Gummibärchen, eine Tüte Katjes und noch ein paar Kleinigkeiten, wurde dieses sofort von einer Tante geöffnet, der Inhalt in eine große Kiste oder Glas entleert und ich bekam den Brief und die Gummibärchen. Als ich protestierte und einwandte dass es sich um MEINE Sachen handele hieß es, das geht nicht daß ein paar Kinder etwas bekommen, und die anderen nicht. In den kommenden Tagen sah ich die selbe „Tante“ sich an dem Glas bedienen. Meine Katjes hatten es ihr angetan! – Kinder beklauen, anstatt sich selbst Katjes zu kaufen!

Ich durfte nach hause schreiben. Dort sprach ich Klartext und berichtete dass ich am ersten Tag hungern musste usw. Mehrmals ging ein Lachen über das Gesicht der Tante, die den Brief zensierte. Sie war, so denke ich heute, völlig meiner Meinung. Trotzdem musste ich den Brief so oft neu schreiben, bis er den Bedingungen der Zensur entsprach.

Zu einer anderen Gelegenheit bekamen wir eine Postkarte ausgehändigt, welche das wunderschöne Nachbargebäude zeigte. Den Wohnsitz des Doktors.

Darauf stand: „Haus Bernward“. Ich habe gar nicht erst versucht zu schreiben, um welche dreiste Lüge sich das handelt, sondern es den Eltern später erzählt. Mit dem Bau in welchem wir hausten, hatte diese herrliche Villa NICHTS zu tun!

Ich wurde krank. Fieber, Magen-Darm. Ich kann es nicht anders beschreiben, ich habe um mich geschissen. Die dreckige Wäsche wurde nicht etwa der Reinigung übergeben, sondern einfach zum Eintrocknen zwischen die saubere Wäsche in meinen Koffer gelegt. Dort durfte sich vor sich hin gammeln, bis meine Mutter den Koffer ein paar Wochen später wieder auspackte.

Der Doktor sah mich in der Zeit nicht einmal an.

Ich wurde wieder krank. Furchtbare Halsschmerzen und blutige Stücke die ich nachts ausspuckte. In meiner Not schmierte ich sie hinter dem Bett an die Wand. Ein Glück, dort hing so eine Bastmatte, die man sicher irgendwann entsorgt hat.

Der Doktor sah mich in der Zeit nicht an.

Irgendwann wurden wir vor eine riesige „Höhensonne“ gestellt. In besagtem Folterkeller. Alle Kinder ausziehen, Nivea-Creme ins Gesicht, eine Sonnenbrille auf und zu fünft oder zu sechst vor den riesigen Quarzstrahler.

Die Prozedur wurde ein paar Mal wiederholt, dann ging es nach Hause.

Die Eltern bei der ersten Begegnung entsetzt. Ein spindeldürres Kind stand vor ihnen, welches in der Zeit des Kinderheimes furchtbare, blutrünstige Lieder aus der sogenannten „Mundorgel“ zu singen gelernt hatte. – Ich denke, da ließ die Nazizeit noch mal so richtig grüßen!

Der kopfschüttelnden Kinderärztin vorgestellt, die bemerkte dass ich in den sechs Wochen ein paar Kilogramm abgenommen hatte.

Ich hab´s gut hinter mich gebracht. Ich denke ich habe keine Schäden davon getragen, wenn ich auch mein Leben lang immer wieder diesen Namen „Haus Bernward“ geträumt habe. Bis ich anfing zu recherchieren. Ich war ein paar mal in den letzten Jahren dort und ich wundere mich jedes mal was für eine zauberhafte „Location“ das heute ist. Ich würde das Haus gerne mal begehen. Leider von einem hohen Zaun umgeben und nicht sehr gut einsehbar.

Das Potenzial wäre da gewesen, um ein paar arme Kinder mit Problemen eine glückliche Zeit zu bereiten und sie gut erholt zu ihren Eltern heimkehren zu lassen.

Aber wenn man Kinder in die Hände solcher „Lagerärzte“ gibt, muss man sich über das Ergebnis nicht wundern!

Was haben sich die damaligen politisch Verantwortlichen nur dabei gedacht, so etwas zu genehmigen? Wo war die Aufsicht? Wer gab das Geld für so etwas aus ohne wirksam zu kontrollieren wie es verwendet wird beziehungsweise ohne Rechenschaft zu fordern?

Alles Gute für Euch!

Herzlichst Michael

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x