Wegen kleinster Vergehen an den Ohren gezogen bis sie am Ansatz bluteten.

Anonym 

Verschickungsheim: Jagdhaus Dr. Jäckel, St. Goarshausen

Zeitraum (Jahr): 1968/1969?

Welche Arten von Misshandlungen/Missbrauch gab es?: beides

In St. Goarshausen wurde ausgestiegen, auf Vollzähligkeit überprüft und zu zwei Bussen gebracht, die uns nach kurzer Zeit zum Jagdhaus Dr. Stäckel brachten, das mitten im Wald stand, mit einem Vorbau, der als Esssaal fungierte. Uns wurden die Zimmer, Betten und Spinde zugeteilt und wir wurden aufgefordert, letztere mit unsrer Kleidung zu befüllen. Danach kamen wir im Esssal zusammen, wo wir Kakao, Kuchen Wasser bekamen und uns die Hausregeln erklärt wurden. Dann gings zum Spielen in den angrenzenden Garten und danach ins Bett. Dass die erste Nacht, weit von Zuhause, nach langer Fahrt, unter fremden Kindern und in fremden Betten aufregend sein würde und wir lange nicht in den Schlaf fanden, war allen bewußt.

Am darauffolgenden Morgen wurden uns nach dem Frühstück nochmals die Hausregeln vorgelesen. Dabei wurde großer Wert darauf gelegt, dass wir, ob beim Mittagsschlaf oder nach Zubettgehen, nicht mehr zur Toilette dürften. Wir sollten schlafen und nicht andere wecken. Die gelang mir innerhalb der sechs Wochen nur ein paar Mal. Die Toilette hatte ein Fenster, durch die Tageslicht schien. In der Toilettentür war ein Milchglasfenster, das die Erzieher mittags mit einen Handtuch abhingen. Ging als jemand außer der Reihe zur Toilette, fiel es herunter und beleuchtete den Flur. Nebenan, im Esssaal spielten die Erziehr Karten und so wurde schnell ersichtlich, wer sich nicht an die Regeln hielt.

Ich selbst wurde mehrfach ermahnt. Dann wurden härtere Maßnahmen ergriffen. Man wartete bis ich fertig war und zog mich an den Ohren wieder in den Schlafsaal. Die nächste Steigerung war das Absperren der Toilette. Dann versuchte ich, aus dem Fenster zu urinieren, wobei ich erwischt wurde, da ich durchs Öffnen des Fensters Licht in den Schlafsaal brachte. Wieder wurde ich an den Ohren gezogen, diesmal wurden sie angeknickt. Als ich mich, da alles verboten oder versperrt war, einnäßte und wegen des Urins nicht in mein Bett zurückkonnte, schlupfte ich bei einem Kind unter die warme Decke, das einen festen Schlaf hatte.

Morgens dann wurde das Malheur bemerkt und ich mußte den ganzen Tag auf der Eckbank liegen, neben mir die Karten spielenden Erzieher, um meinen fehlenden Schlaf nachzuholen, wie es hieß. Als die anderen Kinder von ihrem Ausflug wiederkamen, hießen sie die Erzieher rings um mich aufstellen und meine „Schandtat“ wurde öffentlich gemacht. Dann forderten die Erzieher alle Kinder auf, mich auszulachen. Ich versuchte mich unter dem Tischtuch zu verstecken und fing aus Scham und Hilflosigkeit an zu weinen. Ein einziges Mädchen kam unter den Tisch zu mir gekrochen und versuchte mich zu trösten. Ab diesem Tag wurde ich wegen kleinster Vergehen an den Ohren gezogen, bis sie am Ansatz bluteten. Sei es wegen Essen, das mir nicht schmeckte, Geschirr, das ich nicht wegräumte, Heimweh äußerte oder meiner Vorstellung von Ordnung im Kleiderschrank. Auch sprach man von mir im Kreis der Erzieher nur vom Pisser aus München.

Ich kann mich erinnern, dass einer meiner Tischnachbarn seinen Zitronenpudding nicht essen wollte. Er wurde dazu gezwungen. Daraufhin erbrach er sich und mußte dann das Erbrochene essen. Wir schauten dabei zu und kämpften gegen unsere Übelkeit. Heimweh war auch ein großer gemeinsamer Leidfaktor und wer weinte, wurde ebenfalls an den Pranger gestellt, mit der Aussicht, sowieso nicht wegzukönnen. Mitten im Wald in diesem einsamen Haus war es uns allen bewußt, dass wir ausharren mußten.

Dann durften wir auf ein nahes Volksfest und kauften uns von unserem spärlichen Taschengeld Süßigkeiten, Krimskrams oder Postkarten. Diese sollten wir an unsere Eltern schreiben. Dabei wurde darauf geachtet, dass wir nur positive Sachen schrieben. Wie setzten auf ein DIN A4-Blatt also einen Text auf und gaben ihn zur Korrektur. Übrig bleiben Floskeln und Schönwetterbeschreibungen. Diese mußten wir dann sooft schreiben, bis den Erziehern auch die Handschrift gefiel. Die Briefmarken kauften wir auch den Erziehern ab, die Postkarten wurden von ihnen versandt.

Als das Ganze in die fünfte Woche ging, wurde bei mir das Ohrziehen eingestellt, ich wurde sogar besonders betreut, indem man mir immer Salbe darauf gab. Vertuschung war angesagt. Die Erzieher waren betont freundlicher und uns wurde gesagt, dass wir in der Zeit dort viel gelernt hätten und wir gereift wären. Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinten.

Der Tag der Abreise war nochmals spannend, denn wir packten und fanden überall verteilt unter den Betten und hinter den Schränken, Kleidung, die wir versteckt hatten, damit man nicht sehen konnte, wer sich wieder eingenässt hatte.

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