Ruhe, sonst kommst du nicht mehr nach Hause!

Ruhe, sonst kommst du nicht mehr nach Hause!

Von: Caroline Ecke

Mein Heim:
Kindersanatorium Haus "Herford"
Gruppe 3
Heinrich-Heine-Straße 15
0-2337 Binz

Zeitraum der Verschickung
4.8-15.9.1991


Meine Geschichte:
Ich habe mich immer mit einem kalten Schauer an diese Zeit erinnert...

Ich komme aus Brandenburg und sollte wegen meinem Asthma 6 Wochen zur Kur an die Ostsee.
Ich hatte die ganze Zeit unendliches Heimweh und habe oft geweint. 
Dieses Verhalten kam bei den Erzieherinnen nicht gut an. 
Daher wurde mir meine Post nicht vorgelesen. 
Nachts durften wir nicht auf die Toilette. Wir müssten den Schlafsaal verlassen, über einen langen, dunklen Gang laufen - am Ende standen zwei Nachtöpfe. 
Einen für das große Geschäft, ein anderer für das Kleine - so wurde es uns sehr eindringlich erklärt. Zwei Nachttöpfe für ALLE Kinder. Ich habe fast jede Nacht ins Bett gemacht, weil ich mich so geekelt habe... Dafür wurde ich vor der ganzen Gruppe ausgeschimpft und ich wurde ausgelacht. 
Einmal in der Woche wurden allen Kindern des Heimes Haare gewaschen. 
Wir standen in einer langen Schlange an einem Waschbecken an.Das warten nahm an dem Tag viel Zeit in Anspruch, da wir ja sehr viele Kinder waren. 
Zwei Erzieher jeweils rechts und links neben dem Waschbecken. 
Eine schäumte ein, die andere spülte. Danach gingen wir mit den nassen Haaren ins Bett. 
Die Nachtschwester hatte eine unheimlich große Taschenlampe. 
Mit dieser patroulierte sie über die Gänge. 
Wenn sie ein Geräusch hörte, ging sie in den Schlafsaal und leuchtete jedem Kind ins Gesicht - mit dem Hinweis "Ruhe, sonst kommst du nicht mehr nach Hause".
Trockenbürsten ist noch ein wichtiger Programmpunkte gewesen. Wir mussten uns alle ausziehen und uns dann selbst mit einer gelben Plastikbürste bearbeiten. Wenn die Erzieherinnen der Meinung gewesen ist, dass die Haut einzelner nicht rot genug gewesen ist, musste der Betreffende nach vorn und es "richtig" vor der ganzen Gruppe ausführen.
Die Mahlzeiten mussten immer aufgegessen werden. Die Erzieher fanden mich zu zierlich, deshalb bekam ich immer eine Extraportion Essen zu jeder Mahlzeit. Als mich meine Eltern nach 6 Wochen abholten, war ich pumlig. 

Ich hatte ein großes Loch im Rücken. 
Bei der Übergabe an meine Eltern wurde dies nicht erwähnt. 
Zu Hause ist die Überraschung für meine Eltern groß gewesen. 
Auf anschließende telefonische Nachfrage des Kinderarztes bin ich am Strand auf einen Anker gefallen. 
Ich habe keine Erinnerung wie es zu der Verletzung gekommen ist. 

Meine jüngste Tochter wird bald 5 Jahre alt. Ich würde sie niemals "auf Kur" schicken!!!
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Ilona Grund
Ilona Grund
15 Tage zuvor

Liebe Frau Ecke, ich kann mich in ihre Ängste hinein versetzen. Meine beiden Kinder, heute 37 Jahre, waren auch in diese Einrichtung. Als sie nach Hause kamen waren sie sehr verängstigt und wollten nachts nicht mehr alleine in ihrem Bett schlafen. Jahre später erzählten sie mir genau diese Erlebnisse, die Sie hier schildern. Beide Kinder sind psychisch krank, leiden unter Angstzuständen und Depressionen, so dass sie nicht arbeitsfähig sind. Leuder haben sie dies ihren behandelnden Ärzten nicht erzählt, wozu ich ihnen jetzt geraten habe.
Es tut mir für Sie auch sehr leid und bin sehr traurig, dass diese Behandlungen dort an der Tagesordnung stand. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft trotzdem alles Gute und Gesundheit. LG Frau Ilona G.

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